Die Geschichte von Tom Däumling

Vor langer, langer Zeit lebte in England Merlin, ein großer Magier. Der geschickte Zauberer konnte jede Gestalt annehmen, was er natürlich auch gerne tat. Gerade als er als armer heruntergekommener Bettler durch die Welt reiste, wurde er auf einmal sehr müde, sodass er vor der Hütte eines Bauern pausierte und nach einer kleinen Stärkung bat. Trotz seines Aussehens hieß der Bauer ihn herzlich willkommen, die freundliche Bauersfrau brachte ihm so viel Essen, wie sie entbehren konnten.

Merlin freute sich über den gastlichen Empfang, bemerkte aber, dass die Bauern Kummer hatten. Er fragte sie vorsichtig nach dem Grund und erhielt folgende Antwort: Sie wollten so gerne Kinder haben, die Bauersfrau sagte, mit einem Sohn wäre sie der glücklichste Mensch der Welt, und wenn er nur so groß wie der Daumen ihres Mannes wäre.

Das fand Merlin amüsant, ein Junge, der nicht größer war als ein Männerdaumen! Er fragte die Elfenkönigin, ob sie ihn machen könne. Die Elfenkönigin versprach das, bald danach gebar die Bauersfrau einen winzigen Sohn, nicht größer als der Daumen seines Vaters. Die Elfenkönigin sah ihr Werk an, gab dem Winzling den Namen Tom Däumling und sagte den Elfen, wie sie ihn kleiden sollten: Mit Eichenblatthut und Hemd aus Spinnweben, die Jacke aus Distelflaum, die Hosen aus Federn. Sogar Schuhe aus Mäusefell bekam der Winzling, wirklich schmuck sah er aus.

Tom Däumling war aber immer gut gelaunt und sann immer mehr Streiche aus, je älter er wurde. So viel Übermut musste zu einem aufregenden Leben führen: Gerne klaute Tom den anderen Jungen beim Spiel die begehrten Kirschkerne aus dem Beutel, er war ja klein genug dazu. Das ging nur eine Weile gut, dann erwischte ihn der große Junge, in dessen Beutel er gerade stibitzte. “Jetzt wirst Du sehen, was Dein Lohn ist!”, rief der große Junge, zog den Beutel zu und schüttelte ihn ganz kräftig. Der arme Tom Däumling erlitt einige Schmerzen und versprach, von jetzt an brav und ruhig zu sein.

Er hielt sich auch erst daran, das nächste Abenteuer war ein Unfall: Der neugierige Tom hatte nur kurz über den Schüsselrand mit der Mehlspeise gucken wollen, als er auch schon ausglitt und mitten drin lag. Beinah hätte die Mutter ihn mitgekocht, er hatte den Mund ganz voll Teig, sodass sie sein Schreien nicht hörte. Aber das heiße Wasser! Als Tom das spürte, hat er so doll gestrampelt, dass die Mutter die Mehlspeise aus dem Fenster warf, bestimmt war sie verhext. Erst ein armer Kesselflicker, der den Brei essen wollte, befreite ihn, gerade noch mal Glück gehabt.

Aber nicht lange – wenn die Mutter zur Weide ging, um die Kühe zu melken, nahm sie Tom immer mit. Einmal wehte der Wind so stark, dass sie in anband, damit er nicht fortweht, und Schwupps! hatte die Kuh ihn im Maul, die den Eichenblatthut gesehen hatte, so was mögen Kühe. Die arme Mutter konnte nur weinen, weil die Kuh so überrascht war von dem Lärm in ihrem Maul ließ sie Tom Däumling fallen. Und nur weil die Mutter ihn in der Schürze auffing, blieb Tom unverletzt, schon wieder Glück gehabt.

Aber die Eltern konnten Tom nicht lange beschützen, schon bald verwechselte ein Rabe ihn auf dem Feld mit einem Wurm, packte ihn und flog mit ihm weg. Da schrie der Tom und zappelte, bis der Rabe ihn absetzte, leider in Nähe vom Riesen Grumbo. Der schluckte den armen Tom natürlich sofort runter, und als Tom ihm zuviel strampelte im Bauch, spuckte er ihn einfach ins Meer.

Wieder hatte Tom großes Glück: Ein großer Fisch fraß ihn, der für die Tafel des Königs gefangen wurde. Wie waren die Höflinge begeistert, als sie im Fisch so einen schmucken Winzling fanden! Der König machte Tom zu seinem Hofzwerg, behandelte ihn gut und gab ihm genug Geld für seine Eltern.

Tom Däumling hatte noch manches Abenteuer zu bestehen, manchmal musste die Elfenkönigin ihn noch retten, mehrmals erlebte er Ungeschicke, weil er so klein war oder fiel in Ungnade, weil andere neidisch waren. Aber er konnte immer bei der Elfenkönigin unterschlüpfen, und auch der nächste König fand Gefallen an ihm und ließ ihn sogar an seiner Tafel sitzen. Als Tom schließlich im Kampf mit einer Spinne starb, wurde im ganzen Reich Trauer getragen.


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